Als 1989 an der Neuköllner Oper Der Kaiser von Atlantis von Viktor Ullmann Premiere hatte (Regie und Musikalische Leitung: Winfried Radeke) war der Tenor in der West-Berliner Presse einhellig: Eine wichtige Aufführung, nicht nur für die Neuköllner Oper (Dietrich Steinbeck, SFB).
Bis dahin waren die wenigen Aufführungen der Oper nur durch das Leihmaterial des Dirigenten Kerry Woodward möglich. Die Tantiemen? 100% zu Woodward. Dass die Neuköllner Oper einen anderen Weg ging hatte diesen, aber auch noch einen anderen Grund: es kamen Zweifel an der korrekten Lesart des Notentextes durch Woodward, Kopien des Autographs aus dem Goetheanum Dornach bestätigten den Verdacht. So spielte die Neuköllner Oper erstmal eine eigene, am Autograph orientierte Fassung. Nun stellte sich die Frage: Wohin mit den Tantiemen? War es nicht ein drittes Unrecht, nach Ermordung des Komponisten durch die Nazis, nach Totschweigen seines Werkes nun noch das Unrecht mit den Tantiemen? Nach einer Aufführung setzten sich einige, die ähnlich dachten, zusammen und forderten kühn: Eine Ullmann-Gesellschaft muss her!
Der Musiker Robert Kolben wusste von weiteren Kompositionen Ullmanns, die in Theresienstadt entstanden: die Klaviersonaten, die Streichquartette, die Lieder… War es nicht an der Zeit, die Werke des so lange totgeschwiegenen Komponisten zu veröffentlichen, um über einen Verlag endlich die Frage der Musikrechte zu regeln?
Im Jahr 1990 gründete sich der Verein „musica reanimata“, Förderverein zur Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten und ihrer Werke“. Es fand sich ein Verlag (Bockel-Verlag, Hamburg),
der die Schriftenreihe „Verdrängte Musik“ herausgab. Das Werkverzeichnis Viktor Ullmanns kam heraus, seine Musik-Kritiken, die Ergebnisse der neueren Forschung durch Ingo Schulz usw. Mit gleichem Elan wurden Bände über Hans Krasa, Erwin Schulhoff, Pavel Haas oder Gideon Klein herausgebracht. Mit einer für alle zugänglichen Dokumentation war ein Ziel erreicht. Das weitere war nun, Verlage zu finden und die Musik auch in die Konzertsäle zu bringen. Ähnliche Initiativen entstanden andernorts, auch im Ausland. Durch Vernetzungen, Kolloqien, Gesprächskonzerte und Kongresse erreichte man ein wenig Normalität für ihre ermordeten Autoren zurück. Zumindest die Theresienstädter Komponisten sind heute bekannt, Ensembles spielen sie. Doch der Weg ist noch lange nicht nicht zu Ende. Vieles gilt es noch zu entdecken und zu fördern.
Zuschüsse für musica reanimata von staatlicher Seite gab es bislang nicht. Anfangs freute man sich über Zuwendungen der „Pro Musica Stiftung“. Seit über 15 Jahren fördert Deutschlandfunk/Deutschlandradio die Gesprächskonzerte, die aufgezeichnet und gesendet werden. Die Arbeit des Vorstandes ist noch immer das, was sie seit 1990 war, „ehrenamtlich“.
Weiter Informationen finden Sie hier: www.musica-reanimata.de