1972. Vor Probenbeginn eines damals namhaften Berliner Streicher-Ensembles landete ein Cellist einen großen Lacher: „…ein hübsches Fleckchen Erde hier!“ lästerte er über den Arbeitsplatz des diensthabenden Kirchenmusikers. Es waren die „wilden Siebziger Jahre“, in denen alles möglich schien auf der Insel West - Berlin, z.B. Hochkultur im Kirchraum einer dumpfen Neuköllner Seitenstraße, Politische Nachtgebete oder Musiktheater á la Bert Brecht. Jener spöttische Spruch eines sich deplaziert fühlenden Musikers regte auf, er regte aber auch an. Warum eigentlich nicht Kultur in dieser dumpfen Nebenstraße? Aber nicht Kultur mit hybrid gespielter Barock-Musik, sondern mit handfestem Musiktheater, einem drallen Spaß für die Sinne, aber auch Futter für die grauen Zellen… und dann vielleicht sogar doch: Barock-Musik, bunt und lebendig. Als er zwei Jugendliche auf der Straße streiten hörte: „Mensch, quatsch keine Oper!“, war für den Gründer der Name geboren: „Neuköllner Oper“ – reichlich unbescheiden in einem offensichtlich vergessenen Bezirk, in dem dann doch langsam Kultur stattfand, auch dank eines kreativen Kulturamtes.
1977 wurde der e.V. „Neuköllner Oper“ gegründet, ab 1979 gab der Kultursenat Produktionszuschüsse und man ging auf die Wanderschaft, denn die anfänglich progressiv-wohl- gesonnenen Kirchenväter hatten die „neue Innerlichkeit“ entdeckt. TU-Mensa, Akademie der Künste, Ufa-Fabrik und immer wieder Kirchen vom Wedding bis Kreuzberg und zurück nach Neukölln – bis schließlich nach zähem Ringen 1988 ein festes Domizil in einem ehemaligen Tanzsaal in der „Passage“ Karl-Marx-Straße 131-133 in Neukölln bezogen werden konnte. Während dieser Zeit gab es immer wieder größere und kleinere Produktionen: „Niemand und Jemand“, „Die Vögel“, „Die Wände“, „Yolimba“ und schließlich – als wieder einmal alle Verhandlungen zum Stillstand gekommen waren, „Die Bettleroper“, als eine Art Bestandsaufnahme. Dann doch das Happy End, und wir spielten es als Eröffnung „Amphitryon“. Man gab uns höchstens ein Jahr!
Doch die bis dahin existierende Ein-Mann-Organisation für 40 bis 50 musikverrückte Mitwirkende wurde nun zu einer festen Institution, langsam, ganz langsam wuchs das „Büro“ und es gab dann auch richtige Geschäftsführer. Das langsame, organische Wachsen der „Neuköllner Oper“ – immer abhängig von ihrem Erfolg! – ist wohl auch einer der Gründe, warum die einstige „Freie Gruppe“ am Leben blieb. Bis in die 90er Jahre war Winfried Radeke als künstlerischer Leiter Regisseur und Musikchef in einer Person. Dann erweiterte sich auch diese Feld um neue Regisseure (Bernd Mottl, Peter Lund, Robert Lehmeier, Rainer Holzapfel) und Dirigenten ( vor allem: Hans Peter Kirchberg). Nun ist das Haus seinem Status nach ein „Privattheater“ und wird von einigen auch ab und an ironisch als das „vierte Opernhaus in Berlin“ bezeichnet. Die größte Leistung der Neuköllner Oper ist wohl aber die, dass sie nach der Wiedervereinigung den allgemeinen Exodus der Westberliner Inselkultur in Richtung „Mitte“ überstanden hat. Viele haben dazu beigetragen und werden es auch in Zukunft tun.
Weiter Informationen finden Sie hier: www.neukoellneroper.de